Bereits mein Vater, mein Urgroßvater und Ur-Ur-Großvater waren Exorzisten. Das Austreiben von unerwünschten »Gästen« kann man also durchaus als eine Tradition in der Familie Quanti sehen. Mein Vater, Alistair Quanti, war ein Mann, der diese Tradition mit der Ernsthaftigkeit eines Buchhalters und dem dramatischen Flair eines Opernsängers pflegte. Für ihn war jeder knarrende Dielenboden ein potenzieller Poltergeist und jeder Stromausfall das Werk eines Dämons der Kategorie drei. Ich, Leopold, genannt Leo, fand das alles eher lästig. Während Vater im Keller obskure lateinische Phrasen murmelte, um den »Geist der Feuchtigkeit« zu bannen, versuchte ich verzweifelt, stabiles Wlan für Fortnite zu bekommen.
Meine »Berufung« fand mich nicht in einer dunklen Krypta, sondern an einem sonnigen Dienstagmorgen in unserer Küche. Unser Toaster war besessen. Statt goldbrauner Brotscheiben produzierte er verkohlte Toast-Kreuze und schleuderte mit ungeahnter Wucht durch den Raum. Vater war in seinem Element. Er schwang sein silbernes Kruzifix, verspritzte Weihwasser aus einer antiken Phiole und deklamierte aus dem »Malleus Maleficarum«. Der Toaster antwortete, indem er eine Ladung glutenfreies Brot in Brand setzte. Vater hatte ihn wütend gemacht.
Genervt vom Gestank und meinem knurrenden Magen nahm ich die Sache in die Hand. Während Vater eine Schutzzauber-Barriere aus koscherem Meersalz, das auf einem Berg von einer Jungfrau (Sternzeichen) gesegnet wurde, errichtete, drehte ich den Toaster um. Es war ein älteres Modell, »Toast-o-Matic 5000«. Ich zückte mein Smartphone, grokte die Bedienungsanleitung und fand nach drei Minuten heraus, wo sich der Knopf für den Werksreset befand. Ein beherzter Druck mit einem Schaschlikspieß, ein leises Klicken, und das Gerät verstummte. Probehalber schob ich eine Scheibe Toast hinein. Sie kam perfekt gebräunt wieder heraus.
Vater starrte mich an, dann den Toaster, dann wieder mich. Sein Gesicht war eine Mischung aus Fassungslosigkeit und widerwilligem Respekt. »Ein Zeichen!«, donnerte er schließlich. »Der Junge hat die Gabe! Seine Ausbildung beginnt sofort!«
Meine Ausbildung war eine Farce. Ich sollte Latein aus einem Buch lernen, dessen Seiten bei jeder Berührung zu Staub zerfielen. Stattdessen nutzte ich eine Übersetzer-App, die »Vade retro, Satana« gelegentlich als »Der Saturn hat Rückenschmerzen« interpretierte. Beim Training mit Weihwasser ersetzte ich die altertümliche Phiole durch eine Super Soaker, was die Effizienz der rituellen Reinigung um etwa 300% steigerte, aber von Vater als »würdelos« abgetan wurde.
Mein erster richtiger Fall kam von Frau Grießmeier aus der Nachbarschaft. Ihre geliebte Porzellanpuppe »Prinzessin Lausebäckchen« hatte begonnen, nachts durchs Haus zu wandern und mit rauer Stimme Live-Fußballspiele zu kommentieren. Vater bereitete einen Exorzismus vor, der der Krönung eines Königs würdig gewesen wäre. Ich trottete mit, bewaffnet mit meinem Smartphone und einer Powerbank.
Vaters Gesänge und das Weihwasser machten die Puppe nur aggressiver. Sie fing an, mit winzigen Teetassen nach uns zu werfen. Während Vater einem fliegenden Unterteller auswich, bemerkte ich etwas. Frau Grießmeier hatte kürzlich einen neuen Smart-Home-Hub installiert. Gleichzeitig hatte ihr Enkel versucht, seine alte Bluetooth-Box mit der Puppe zu verbinden, die über einen primitiven Sprachchip verfügte. Eine kurze Analyse der Netzwerkverbindungen in der Umgebung zeigte das Problem: Die Puppe hatte sich nicht mit einem Dämon, sondern mit dem Bluetooth-Fernseher von Herrn Schmidt von gegenüber verbunden. Sie übertrug einfach seine Sportschau-Kommentare. Ich öffnete meine App, kappte die Verbindung und wies die Puppe dem korrekten, stummen Netzwerk zu. Stille.
Vater senkte sein Kruzifix. »Technomagie«, murmelte er ehrfürchtig. Er räusperte sich und verkündete feierlich, ich sei nun offiziell der erste IT-Exorzist der Familie Quanti. Meine Aufgabe sei es fortan, die dämonischen Ausgeburten des 21. Jahrhunderts zu bekämpfen: besessene Drucker, verfluchte WLAN-Router und Poltergeister in der Cloud. Ich war nicht begeistert, aber es war immer noch besser, als feuchte Keller auszuräuchern. Mein erster offizieller Anruf kam noch am selben Abend. Ich nahm ab und fragte routiniert: »Haben Sie schon versucht, das Gerät aus- und wieder einzuschalten?«
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